Die Négritude

Die NĂ©gritude ist eine literarisch-philosophische politische Strömung, die fĂŒr eine kulturelle Selbstbehauptung aller Menschen Afrikas und ihrer afrikanischen Herkunft eintritt. Im Unterschied zum eher angelsĂ€chsisch orientierten Panafrikanismus reflektierte die frankophone NĂ©gritude den europĂ€ischen Diskurs ĂŒber Afrika.

LĂ©opold SĂ©dar Senghor (* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich), war ein senegalesischer Dichter und Politiker und von 1960 bis 1980 PrĂ€sident des Senegal.

LĂ©opold SĂ©dar Senghor (* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich), war ein senegalesischer Dichter und Politiker und von 1960 bis 1980 PrĂ€sident des Senegal.

So stellt LĂ©opold SĂ©dar Senghor, der erste PrĂ€sident Senegals, es der francitĂ© entgegen; AimĂ© CĂ©saire, der den Begriff NĂ©gritude geschaffen hat, legt ihn kampfbetonter und zukunftsgewandter als Senghor aus. Entgegen der eurozentristisch behaupteten Kulturlosigkeit Afrikas sowie deren Exotisierung soll damit eine eigenstĂ€ndige, vielseitige und gleichberechtigte ‘schwarze’ Kultur und Lebensweise herausgestellt werden.

Sowohl Senghor – gestĂŒtzt auf Leo Frobenius[1] – als auch CĂ©saire gehen dabei davon aus, dass Afrikaner kulturell und geschichtlich grundsĂ€tzlich anders als ihre Kolonialisatoren geprĂ€gt sind. GegenĂŒber den vom Kolonialismus geschaffene Negativzuschreibungen und Entwertungen ihrer Kultur als “unzivilisiert”, heben sie die fĂŒr sie selbst wichtigen kulturellen FĂ€higkeiten in einer positiven Bewertung hervor. Hinterfragt wird beispielsweise, warum sensitive und sinnliche Elemente ihrer Kultur als “triebhaft” betrachtet werden sollen und betonen die eigene kulturelle und philosophische Tradition. [2]

In der postkolonialen Kritik wurden grundlegende AnsĂ€tze der NĂ©gritude korrigiert. Die grundlegende Kritik lautete, dass die NĂ©gritude zwar einen wichtigen Faktor fĂŒr die Wiedergewinnung eines SelbstwertgefĂŒhls vor dem Hintergrund der UnterdrĂŒckung dargestellt habe, aber in ihrem dichotomen Denken von essentialistischen GegensĂ€tzen auf der Tradition des hellenisch geprĂ€gten EuropĂ€ischen grĂŒnde. Zu den Kritikern gehört vor allem auch AimĂ© CĂ©saire der den mit der NĂ©gritude verbundenen Panafrikanismus kritisierte: Es gibt zwei Wege sich zu verlieren. Durch die Fragmentierung in das Partikulare oder Auflösung in das “Universale”[3]
Geschichte [Bearbeiten]

Der Begriff der NĂ©gritude wurde im Zuge der Dekolonisation in den 1930er Jahren von frankophonen Intellektuellen wie vor allem AimĂ© CĂ©saire (Antillen), L. S. Senghor (Senegal) und L. G. Damas (Guyana) als politischer Begriff schwarzer Selbstbestimmung entwickelt und dem kolonialen Integrationsangebot der FrancitĂ© (die Kolonisierten assimilierend zu “Hundert Millionen Franzosen” werden zu lassen) entgegengestellt. GeprĂ€gt wurde er von CĂ©saire in der Pariser Zeitschrift „L’Etudiant Noir“ (1935), wo von Anfang an schon klar wurde, dass es sich hier um ein ĂŒber die bloße Kunst hinausreichendes, umfassendes antikolonial-revolutionĂ€res AfrikanitĂ€tskonzept handelt.

Die Bewegung war von Leo Frobenius und den Autoren der Harlem Renaissance beeinflusst, insbesondere von den afroamerikanischen Autoren Richard Wright und Langston Hughes, deren Werke sich mit ‘blackness’ und Rassismus auseinander setzten. WĂ€hrend der 1920er und 30er Jahre war eine kleine Gruppe von schwarzen Studenten und Gelehrten aus den Kolonien in Paris versammelt, wo sie von Paulette Nardal und ihrer Schwester Jane den Schriftstellern der Harlem Renaissance vorgestellt wurden. Paulette Nardal und der haitianische Dr. Leo Sajou grĂŒndeten La revue du Monde Noir (1931-32), eine Literaturzeitschrift, die in Englisch und Französisch erschien und ein Sprachrohr fĂŒr die wachsende Bewegung von Intellektuellen aus Afrika und der Karibik in Paris zu sein versuchte. Auch der Negrismo in der spanischsprachigen Karibik hatte Verbindungen zu der Harlem Renaissance und so entstand eine globaler Austausch diese Bewegungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher und gleicher Erfahrungen und Situationen.

Den eurozentrischen Legitimationen weißer Dominanz wird von der NĂ©gritude die gewaltförmige und zerstörerische Bilanz ihrer tatsĂ€chlichen Praxis vorgehalten, wĂ€hrend die Praxis eigener Kulturen idealisiert wird und die Quellen eigener StĂ€rken (z.B. das feste Sozialnetz und die kommunitĂ€re Lebens- und Produktionsweise) hervorgehoben werden. CĂ©saires AfrikanitĂ€t verstand sich als ein kulturell-emanzipatorisches Projekt mit unmittelbarer politischer Relevanz, das er sowohl als Dichter/Schriftsteller (StĂŒcke, Gedichte, Artikel, v.a. „Über den Kolonialismus“) als auch als Politiker (BĂŒrgermeister in Martinique, Abgeordneter der französischen Nationalversammlung) verfolgte. Die strukturelle NĂ€he von Philosophie und Praxis der NĂ©gritude zeigt sich ebenso am Beispiel Senghors, der 1960 PrĂ€sident Senegals wurde. Auf die NĂ©gritude (die „Masse der kulturellen Werte Schwarzafrikas“) blickte er 1956 als „doch nur der Anfang zur Lösung unseres Problems“ zurĂŒck:

„Um unsere eigene und wirkliche Revolution zu beginnen, mußten wir unsere entliehenen Kleider, die Kleider der Assimilation, ablegen und unser eigenes Sein bejahen … Wir konnten nicht in die Vergangenheit zurĂŒckkehren … Um uns wirklich treu zu sein, sollten wir die negro-afrikanische Kultur in die RealitĂ€ten des 20.Jahrhunderts eingliedern. Um uns aus unserer N. ein effektives Instrument der Befreiung zu machen, mußten wir den Staub wegblasen und ihr in der internationalen Bewegung der zeitgenössischen Welt ihren Platz zuweisen.”

Die Opposition zur weißen Dominanz war fundamental, die Forderung nach Anerkennung des kolonialen Verbrechens und entsprechender VerantwortungsĂŒbernahme konsequent. Sie stellt auch heute noch eine kompromisslose Aufforderung und uneingelöste Bringschuld dar, wie am weiterhin virulenten GewaltverhĂ€ltnis weißer Herren und schwarzer Sklaven und an der ungebrochenen Herrschaft aufgeklĂ€rt und unaufgeklĂ€rt rassistischer Bilder von schwarzen Menschen nur allzu deutlich wird. Kritiker bemĂ€ngeln an der N. „afrikanische Blut und Bodenmystik“ oder „anti-weißen Rassismus“, was nicht selten als ein offenkundiger Abwehrreflex privilegierter Weißer gegenĂŒber Anklagen wie jener CĂ©saires angesehen wird:

„Ja, was denn? die Indianer massakriert, die islamische Welt um sich selbst gebracht, die chinesische Welt gut ein Jahrhundert lang geschĂ€ndet und entstellt, die Welt der Schwarzen disqualifiziert, unzĂ€hlige Stimmen auf immer ausgelöscht, HeimstĂ€tten in alle Winde zerstreut … und Sie glauben, fĂŒr all das mĂŒsse nicht bezahlt werden?“

Fanon und die Négritude [Bearbeiten]

Im Rahmen seines Werkes Peau noire – masques blancs von 1952 (dt. 1980: Schwarze Haut – weiße Masken) setzt sich Frantz Fanon mit der NĂ©gritude-Bewegung auseinander. In einem Dialog mit Jean-Paul Sartre ĂŒber die Selbsterfahrung des „Schwarzen Subjekts“ innerhalb kolonialer Gesellschaftsformen ist die NĂ©gritude zentrales Thema.
Romane und Literaten der Négritude [Bearbeiten]

* Mongo Beti (Kameruner): Der arme Christ von Bomba
* Bernard DadiĂ© (ElfenbeinkĂŒste): ClimbiĂ©
* Camara Laye: Einer aus Kurussa
* Léopold Sédar Senghor
* Lamine Diakhate

Siehe auch [Bearbeiten]

* René Maran
* Black Power

Literatur [Bearbeiten]

* Georges Balandier, Koloniale Situation – ein theoretischer Ansatz, in: Albertini, Rudolf (Hg.): Moderne Kolonialgeschichte. Köln 1970 (orig. 1952)
* AimĂ© CĂ©saire: Über den Kolonialismus. Berlin 1968 (orig. 1950)
* Janheinz Jahn: Muntu. Umrisse der neoafrikanischen Kultur, 1958
* Ulrich Lölke, Kritische Traditionen. Afrika. Philosophie als Ort der Dekolonisation, Iko-Verlag fĂŒr Interkulturelle Kommunikation, 2002, ISBN 388939552X
* Christian Neugebauer: EinfĂŒhrung in die afrikanische Philosophie, MĂŒnchen/Kinshasa/Libreville 1989
* LĂ©opold SĂ©dar Senghor. NĂ©gritude und Humanismus. DĂŒsseldorf 1967 (orig. 1964)
* LĂ©opold SĂ©dar Senghor: NĂ©gritude et Germanisme (dt. Afrika und die Deutschen), TĂŒbingen 1968.
* T. Denean Sharpley-Whiting, Negritude Women, University of Minnesota Press 2002, ISBN 081663680X
* Udo Wolter: Das obskure Subjekt der Begierde. Frantz Fanon und die Fallstricke des Subjekts der Befreiung. 2001, ISBN 3-89771-005-6
* Gary Wilder, The French Imperial Nation-State. Negritude & Colonial Humanism Between the Two World Wars, University of Chicago Press 2005, ISBN 0226897729
* Alphonse Yaba: Negritude. Eine kulturelle Emanzipationsbewegung in der Sackgasse?, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-012-8

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