Die schöne Welt der Fifa: Viel Folklore, wenig Gespür

Viel Folklore, wenig Gespür - Fifa-Boss Blatter (Mitte) mit seinen «Adjutanten» Hayatou (links) and Platini. (Bild: Reuters)

Viel Folklore, wenig Gespür - Fifa-Boss Blatter (Mitte) mit seinen «Adjutanten» Hayatou (links) and Platini. (Bild: Reuters)

Die togolesische Auswahl wird bestraft, weil sie sich nach dem Attentat vom Afrikacup zurückzog. Der afrikanische Verband CAF verschanzt sich hinter Reglementen. Die Fifa schweigt.

Ausgerechnet die nicht für die WM qualifizierten Ägypter gewannen die Kontinentalmeisterschaft und werden in ihrer Heimat gefeiert. In Angola befasst man sich derweil damit, was jetzt mit den vier für den Afrikacup gebauten Stadien zu tun sei, damit diese dem Staat «nicht zur Last» fallen. Auf der Website der afrikanischen Konföderation CAF wird das Turnier in höchsten Tönen gelobt. Am besten ist immer, man klopft sich gleich selber auf die Schultern.

Schön, rein und grün

126 Tage vor der WM hat auch der Weltfussballverband Fifa fröhliche Botschaften. Der Fifa-Präsident Joseph S. Blatter freut sich im Communiqué über den «historischen Moment», weil erstmals ein chinesisches Unternehmen als WM-Sponsor gewonnen worden ist. Da sich dieses für erneuerbare Energie einsetzt, äussert sich der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke so: «Wir freuen uns, mit Hilfe des Fussballs gemeinsam nach Lösungen für eine grünere und sauberere Welt zu suchen.»

Schön, rein und grün soll der Fifa-Kosmos sein. In PR-Offensiven hält der Verband auch den Stimmen und Händlern dagegen, die auf den stockenden Absatz der WM-Tickets und der VIP-Packages hinweisen. Fragen der «Süddeutschen Zeitung», die Blatter vorwirft, dass er die Vermarktung von WM-Rechten seinem Neffen Philippe Blatter zuschanze, lässt die Fifa unbeantwortet. Nichts darf das Bild stören. Dass Blatter Mitte Januar den «Aussenminister» Jérôme Champagne entliess, wurde nur in einer E-Mail an die Konföderationen kommuniziert.

Sonst ist immer noch nichts offiziell. Zu den anhaltenden Entlassungen im Fifa-Kader sagte Blatter kürzlich dem «Sonntags-Blick»: «Die Sache ist ganz einfach: Im Fussball gibt es Regeln. Zum Beispiel die Offside-Regel. Wer ständig im Offside ist, gefährdet irgendwann den Trainer. Dann muss dieser handeln.»

Manchmal wird auch der Cheftrainer Blatter still. Nicht vergessen ist der Anschlag von Rebellen auf die togolesische Auswahl vor dem Afrikacup in der Exklave Cabinda. Zwei Personen starben. Erinnerungen von Augenzeugen lassen einen erschaudern. So sagte der Togo-Trainer Hubert Velud dem Magazin «France Football», dass der schwerverletzte Buschauffeur wahrscheinlich viele Leben gerettet habe, weil dieser den Bus «noch ein paar 100 Meter weiter» gelenkt habe, nachdem er von Gewehrkugeln getroffen worden war.

Nachdem die traumatisierten Togolesen trotz allem ins Turnier zu starten bereit waren, wurden sie von der Regierung ihres Landes zurückgepfiffen. Den von der Politik verfügten Rückzug büsst die sich auf ihre Reglemente berufende CAF mit 50 000 Dollar Busse und mit dem Ausschluss Togos für die nächsten zwei Afrikacups. Auch wenn das Urteil noch gemildert oder umgestossen werden sollte, ist es als Signal haarsträubend. Der CAF-Präsident Issa Hayatou wies darauf hin, dass sich das Attentat «im Busch», fernab der Stadien und Städte, ereignet habe – «warum sollen wir das verschweigen?» So werden Opfer zu Schuldigen. Emmanuel Adebayor, ein Überlebender des Attentats und das Aushängeschild des togolesischen Fussballs, sprach von einem «monströsen Urteil» und forderte Hayatou im 22. Amtsjahr zum Rücktritt auf.

Sepp Blatter schweigt

Und der Schirmherr des Weltfussballs? Der sonst beredte Blatter schweigt sich aus, nachdem er in zwei devot geführten Interviews in Schweizer Zeitungen das Bedauern über den Vorfall in Cabinda ausgedrückt hatte. Will er es sich mit Hayatou und der CAF nicht verscherzen, weil die ihm 2011 womöglich abermals den Weg zur Wiederwahl ebnen?

Die Fifa-Kommunikationsabteilung versteckt sich hinter Reglementen und der Autonomie ihrer Kontinentalverbände. Dabei gibt es nur einen Schluss: Die CAF muss die Sanktionen rückgängig machen. Das müsste auch das Interesse der Fifa sein. Stattdessen kommuniziert sie lieber, welchen China-Sponsor sie ins WM-Boot geholt hat und wie toll sich die WM im afrikanischen Winter jetzt schon anbahnt. Das sind die wichtigen Dinge des Fussballs. Offenbar.

Quelle: http://www.nzz.ch von Peter B. Birrer

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