Kofi Yamgnane: Der schwarze Kelte

Der togolesische Immigrant wurde Bürgermeister seiner bretonischen Gemeinde und schließlich sogar Staatssekretär

Die Geschichte begann Ende der sechziger Jahre in Frankreich: in dem kleinen Ort Saint-Coulitz, 350 Einwohner zählend und zu 100 Prozent von Weißen bewohnt. Damals hatte sich ein Hauswirt zu etwas durchgerungen, was gerade in einem solchen Dorf noch nicht selbstverständlich war: einem Paar ein Haus zu vermieten, obwohl der Ehegatte aus Togo stammte.

von Frédérique Guiziou

Und noch ungewöhnlicher: Dieser Neubürger war bald selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft. Er wurde Ingenieur für Brücken- und Straßenbau, bekam zwei Kinder mit seinem “Mädchen von hier” – und nicht nur das. Der “Schwarze Kelte”, wie man Kofi Yamgnane bald mit Spitznamen nannte, wurde 1989 zum Bürgermeister gewählt.

“Als Immigrant hat man erst einmal wenig Lust, sich spontan zur Wahl zu stellen. Aber eine kleine Gruppe von Bauern hatte mich dazu aufgefordert. Ihnen war wohl nicht aufgefallen, dass ich ein Schwarzer war.” Das war der Startschuss für eine Karriere, die häufig im Scheinwerferlicht der Medien stand, sogar von Medien aus den USA. Kofi Yamgnane erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise: für Zivilcourage, für politischen Humor und als “Bretone des Jahres 1990″ – seine Lieblingsauszeichnung.

kofi2In Anlehnung an die afrikanische Tradition führt er in Saint-Coulitz einen Rat der Weisen ein, der aus den Alten und Rentnern des Dorfes zusammengesetzt ist, eng mit der Dorfverwaltung zusammenarbeitet und seinen Rat zu allen Belangen gibt. “Die Idee des Rates der Weisen stammte von meinen Eltern. Angesichts meines Alters verstanden sie nicht, wie man mich zum Anführer eines Dorfes machen konnte, sie rieten mir also, mich mit weisen Männern zu umgeben, und das tat ich dann auch. Ich habe dem Dorf das gegeben, was Afrika mir gegeben und mich gelehrt hat: Versöhnung, Dialog, Diskussion zur Vermeidung von Streitigkeiten.”

Mehrere französische Städte, nämlich Quimper, Besançon und Saintes haben dieses Modell erfolgreich übernommen, der Beweis dafür, so Yamgnane, dass Afrika Frankreich etwas zu bieten hat.

Schon 1991 wurde er zum Staatssekretär für Integration ernannt: “Als damals Präsident François Mitterrand mich holte, brannte es in den Vororten. Das Ziel meiner Träume wäre der Erziehungsbereich gewesen oder das Infrastrukturministerium. Aber das ist eben mein Schicksal. Die Integration ist mir auf die Haut geschrieben, ob ich das will oder nicht.” 1997 schließlich wurde er für die sozialistische Partei als Abgeordneter in die französische Nationalversammlung gewählt.

Nach zwölf Jahren Amtszeit als Bürgermeister in Saint-Coulitz hat Kofi, wie er in seiner Region genannt wird, es vorgezogen, nicht mehr zur Wahl für diesen Posten anzutreten. Seitdem ist der Rat der Weisen aufgrund der Entscheidung des neuen Gemeinderates nicht mehr aktiv.

Das war nicht die einzige Enttäuschung, die Yamgnane einstecken musste. Insgesamt haben ihn die letzten zwei Jahre erschüttert, insbesondere weil Jean-Marie Le Pen, der Führer der extrem rechten Front National, bis in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen 2002 kam und er selbst im gleichen Jahr seinen Abgeordnetensitz in der Nationalversammlung verlor. “Heute wäre mein Weg nicht mehr möglich. Ich bin ein Einzelfall geblieben.”

Seine Wähler warfen ihm vor, häufiger in Paris oder sonst irgendwo zu sein als sich um die lokalen Angelegenheiten zu kümmern. Yamgnane nimmt die Kritik ernst, betont jedoch, dass “das Thema der Migration in Brüssel, Bamako oder New York anzusprechen, ebenso zu seiner Arbeit als Parlamentarier gehörte wie von der Bretagne im Ausland zu sprechen”.

Mehr als seine persönliche Niederlage bedauerte Yamgnane, dass “es im gesamten Parlament und Senat keinen einzigen Vertreter der Immigranten mehr gibt. Keinen einzigen Bürgermeister, und das bei mehr als 36.000 Kommunen! Die nationale Vertretung entspricht nicht mehr der französischen Bevölkerung”. Er sei oft als Beispiel hervorgehoben worden, “aber ein Beispiel wiederholt sich. Das meine jedoch nicht”. Für ihn war es damals möglich, innerhalb eines Jahres und einiger Monate die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Das geht heute nicht mehr. Ebenso unmöglich wäre es heute – so wie er es damals konnte – elf Jahre in Frankreich ohne die Staatsbürgerschaft zu leben, ohne fürchten zu müssen, zurückgeschickt zu werden. Inzwischen hat es jedoch auch unter Präsident Jacques Chirac Bewegung gegeben: Es wurden zwei Staatssekretäre und ein Präfekt mit ausländischer Herkunft ernannt.

Eine gewisse Bitterkeit bleibt bei Yamgnane gleichwohl zurück. Seinen politischen Freunden der sozialistischen Partei wirft er vor, während ihrer letzten fünf Jahre an der Macht “den Elan, der durch die Siege der multi-kulturell zusammengesetzten französischen Fußballmannschaft entstanden war”, nicht unterstützt zu haben. Sie hätten es den Grünen überlassen, das Wahlrecht der Immigranten zu verteidigen, “aus Angst davor, deutlich zu sagen, dass die Immigration eine Chance ist”.

In seiner Stiftung für republikanische Integration (Fondation pour l’Intégration Républicaine) tritt er weiterhin für seine Überzeugung ein: “Man muss lernen, sich kennenzulernen, miteinander zu sprechen.” Er sagt auch: “Die Immigranten haben die Pflicht, perfekt zu sein.” Eine Botschaft, die der zweiten Generation nur schwer zu vermitteln sei, die “sich manchmal zurückgesetzt fühlt und der Versuchung unterliegt, sich in die eigene Gemeinschaft zurückzuziehen und Gewalt anzuwenden”.

Yamgnane – ein Bewunderer von Nelson Mandela und Mahatma Gandhi – bebt: “Man muss auf andere Art Widerstand leisten. Mein Weg war auch nicht voller Rosen.” Das beweisen Hunderte von Briefen voller rassistischer Beleidigungen, die er im Lauf seiner Karriere erhielt, etwa von der Art: “Man muss schon bescheuert und besoffen wie ein Bretone sein, um einen Neger zum Bürgermeister zu wählen.” Er hat sie alle aufgehoben, beabsichtigt, sie zu veröffentlichen, “um sie umfassend zu beantworten und mein Zeugnis gegenüber der menschlichen Dummheit abzulegen”.

Kofi Yamgnane

Kofi Yamgnane

Seit zwei Jahren ist Yamgnane nicht mehr in Togo gewesen, seinem Geburtsland. Während seiner letzen Reise nach Togo an der Seite des französischen Präsidenten Jacques Chirac hat-te dort seine Stellungnahme gegen General Gnassingbé Eyaéma, dem amtsältesten afrikanischen Staatschef, starkes Missfallen erregt. Yamgnane hatte kritisiert: “Er hat sein Wort nicht gehalten, eine für einen Afrikaner unzulässige Haltung. Entgegen seinen Versprechen, die er im Juli 1999 im Rahmen der Lomé-Abkommen gegeben und im Juli 2001 noch einmal vor Jacques Chirac bekräftigt hat, ließ sich General Eyaéma noch einmal zur Wahl aufstellen und am 1. Juni 2003 erneut wählen. Mit fast 60 Prozent der Stimmen! Und dies unter Missachtung der Verfassung, die er ganz ungeniert und vollkommen ungesetzlich ein halbes Jahr zuvor ändern ließ! Was für ein Verrat … praktisch 40 Jahre an der Macht, Togo vollkommen abgewirtschaftet … Bei meinem letzten Besuch vertrauten mir die Alten meines Dorfes an: ‘Zur Zeit der Weißen ging es uns besser …’”

In seinem 2002 erschienenen Buch “Wir werden gemeinsam groß” bezeichnet Yamgnane sich dennoch als “afro-optimistisch”, selbst wenn er mit einer besorgniserregenden Beschreibung der Lage Afrikas beginnt: “Mein Buch ist ein Alarmschrei, ein Wutausbruch, voller Zorn und voller Hoffnung. Afrika ist ein Kontinent, der schwierig lebt. Sein Außenhandel beträgt heutzutage nicht mehr als 1 Prozent des Welthandels gegenüber 10 Prozent vor vierzig Jahren. Die soziale Lage sieht nicht besser aus: Aids, Hunger, Kriege … Man kann die Verantwortlichkeiten dafür in den zwei Jahrhunderten der Sklaverei suchen, danach in zwei Jahrhunderten der Kolonisation, aber die internen Verantwortlichkeiten – wie Korruption und schlechte Regierungsführung – sind mindestens so unselig. Die afrikanischen Armeen, deren Macht unangemessen ist, müssen endlich begreifen, dass die Staatschefs durch Wahlen bestimmt werden.”

Für Yamgnane muss die Entwicklung Afrikas aus dem Innern kommen: “Als ich in der Regierung war, habe ich vorgeschlagen, 10 Prozent der Entwicklungshilfe den nichtstaatlichen Organisationen zu geben, um konkrete Kleinprojekte in den örfern zu initiieren, wie den Aufbau einer Gesundheitsstation oder einer Schule. Leider geschah dies nur ein einziges Mal. Ich wollte auch, dass die Gesamtsumme der Kredite für die Zusammenarbeit erhöht werden sollte. Das Gegenteil ist erfolgt, seitdem sind sie gesunken.”

Der Verleger wollte das Buch zunächst nur in einer Auflage von 7000 Stück herausbringen. “Er hatte mich gewarnt, dass Schmöker von Politikern nicht gerade ein Verkaufsschlager werden.” Doch dann verkaufte sich das Buch sehr gut. Zwei Neuauflagen mussten gedruckt werden und inzwischen sind 60.000 Stück verkauft. “Ich konnte mir nicht vorstellen”, freut sich Yamgnane, “dass sich so viele Leser für Afrika interessieren. Das ist wirklich ermutigend für alle, die in der Entwicklungszusammenarbeit und im Kulturaustausch arbeiten.”

Yamgnane hat dennoch häufig den Eindruck, er sei nicht aktiv genug: “Man hält mich für unbesorgt, aber ich lebe ständig mit der Vorstellung, eine schwere Bürde gegenüber Afrika zu tragen. Ich werfe mir vor, nicht genügend von dem hier erworbenen Wissen nach Afrika gebracht zu haben. Frankreich braucht nicht unbedingt noch mehr Ingenieure, von Politikern ganz zu schweigen.” In Kürze in den Ruhestand tretend denkt er daran, zwischen Frankreich und Togo zu pendeln: “Ich muss ein Beispiel geben, mich noch stärker engagieren. Ich denke daran, hier in der Bretagne eine Filiale von Agir (Association Générale des Intervenants Retraités) zu gründen, der Vereinigung der pensionierten Freiwilligen für Entwicklung und Zusammenarbeit. Viele von ihnen stellen bereits ihre Kompetenzen in den Dienst des schwarzen Kontinents. Man muss noch mehr Leute mobilisieren, selbst wenn sie dafür eine Entschädigung bekommen sollten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Generation, die den Mai ’68 erlebte, jetzt damit zufrieden ist, zu Hause zu sitzen und auf ihre Enkel aufzupassen. Davon überzeugen mich die zahlreichen Briefe, die ich bekomme.”

Wird er Zeit für solche Zukunftspläne haben? “Momentan kandidiere ich für niemanden.” Aber kann er sich wirklich auf Dauer aus der Politik zurückziehen? “Ehrlich gesagt, im nächsten Juni sind Europawahlen. Meine letzten Mandate haben mir die Augen geöffnet: Man muss auf hoher Ebene agieren. Im Übrigen, wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre ich Abgeordneter im Regionalrat geworden. Zugegeben, ja, Europa interessiert mich. Das ist ein ständiges Aktions- und Reflexionsfeld. Ich glaube, dass die gesellschaftliche Entwicklung weltweit von dem Gesellschaftsmodell abhängt, das Europa der Welt zeigen wird. Wenn meine Partei es mir erlaubt und die Wähler mir folgen, dann würde ich gern dazu beitragen.”

Kofi Yamgnam Biografisches

1945: Geburt am 11. Oktober in Bassar, Togo

1964: Ankunft in Brest im épartement Finistère (Bretagne) dank eines Stipendiums des französischen Entwicklungsministeriums

1969: Hochzeit mit Anne-Marie, einer französischen Lehrerin, mit der er zwei Kinder hat: Amina (heute 34 Jahre alt und Ärztin) und Kwame (heute 28 Jahre alt und Ingenieur)

1973: Angestellter in der Abteilung “Infrastruktur” des épartements Finistère. Daneben besucht er die berühmte Ingenieurschule École des Mines

1975: Erlangung der französischen Staatsbürgerschaft

1989: Bürgermeister von Saint-Coulitz (Finistère). Er bleibt für zwei Wahlperioden, also 12 Jahre lang Bürgermeister.

1991-1993: Staatsekretär für Integration

1994: Abgeordneter in der épartement-Versammlung Finistère für die sozialistische Partei (Parti socialiste, PS)

1997-2002: Abgeordneter in der Nationalversammlung für das épartement Finistère (PS)

2002: Veröffentlichung seines Buches Nous grandirons ensemble beim Verlag Robert Laffont.

Quelle: der überblick 01/2004, Seite 20

Fréérique Guiziou

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