Null Toleranz gegen GenitalverstĂĽmmelung!
Es ist vermeintliches Kulturmerkmal, Schönheitsideal, gesellschaftliche oder religiöse Pflicht. Unter unhygienischsten Bedingungen, mit Glasscherben, Scheren, Rasiermessern und zumeist ohne Narkose werden die Klitoris amputiert, die inneren Schamlippen ganz oder teilweise abgetrennt, häufig auch die äußeren Schamlippen ausgehöhlt, um die verbleibende Haut schließlich bis auf eine winzige Öffnung zu vernähen. Alle elf Sekunden wird auf der Welt ein Mädchen genital verstümmelt.
Die Gesamtzahl der Betroffenen wird auf 150 Millionen Frauen geschätzt – zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von weltweit etwa 40 Millionen Menschen, die HIV-positiv oder bereits an Aids erkrankt sind. Dabei sind es nicht nur afrikanische Länder wie Kenia oder Togo, in denen die grausame Sitte der weiblichen Beschneidung praktiziert wird. Auch in Deutschland leben circa 20 000 beschnittene Frauen. Mindestens 5000 Mädchen gelten als akut gefährdet, entweder illegal in Deutschland oder im Herkunftsland ihrer Eltern Opfer von Genitalverstümmelung zu werden.
Eine brachiale körperliche Gewaltanwendung
Anlässlich des siebten internationalen Tages „Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung“ am 6. Februar startete die mehrfach ausgezeichnete Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie mit ihrer Stiftung die internationale Kampagne „STOP FGM NOW!“ (FGM – Female Genital Mutilation), um das Thema noch eindringlicher in das Blickfeld und Bewusstsein von Menschen zu rücken, die sich bisher nicht oder eher wenig mit diesem Ritual beschäftigt haben. Im Besonderen wird sich hierbei der Gegenüberstellung westlicher, weiblicher Schönheitsideale und der verheerenden Brutalität brachialer körperlicher Gewaltanwendung bedient. Manon von Gerkan, Model und Schmuckdesignerin, verkörpert als Gesicht der Kampagne das Bild der makellosen europäischen Frau, die für viele (viele Afrikaner oder viele Europäer?) jedoch nur vollkommen sein kann, wenn man „jetzt noch die Klitoris herausschneidet.“ „Wir wollten die in die Öffentlichkeit bringen, die keine Öffentlichkeit haben“, erzählte der Initiator der Kampagne und CEO der Heymann Brandt de Gelmini AG, René Heymann, auf einer Pressekonferenz im Hotel Adlon in Berlin. „Und was können wir als Werbeagentur am Besten? Öffentlichkeit schaffen! In dem Augenblick, in dem der Betrachter diese Geschmacklosigkeit mit voller Wucht ablehnt, entfaltet die Kampagne ihre Kraft. Wer kann so etwas denken?“
Das traditionelle Denken muss sich ändern
Unterstützt wird das Projekt „STOP FGM NOW!“ von Partnern wie dem Forschungsinstitut zur Gleichberechtigung Center for PROFS, Terre de Femmes und (I)ntact e.v., die sich alle eine schnelle und vor allem nachhaltige Beendigung der weiblichen Genitalverstümmelung zum erklärten Ziel gesetzt haben: Neben der Nachsorge und Betreuung betroffener Mädchen und Frauen gelte es, rechtzeitige und professionelle Präventionsarbeit zu leisten, die FGM enttabuisiert und einen Wandel im traditionellen Denken der jeweiligen Ethnien bewirkt. Eine Aufgabe, bei der man im Übrigen davon ausgeht, dass sie frühestens in einer Generation, d.h. in 30 Jahren ganzheitlich bewältigt sein könnte. Zusätzlich zur Arbeit in den Ursprungsländern weiblicher Beschneidung – dem Schaffen von gesellschaftlichem Zugang, dem Aufbrechen patriarchaler Strukturen und deren Veränderung – kommt das Engagement vor Ort in Deutschland. Auch hier mangelt es an entsprechend ausgebildeten Fachkräften und erweist sich aktive Aufklärung als dringend notwendig, wie Jawahir Cumar, Gründerin und Sprecherin des Vereins stop mutilation e.V. deutlich betont: „Wir brauchen unbedingt mehr und geförderte Beratungsstellen, oft wissen nicht einmal Ärzte, wie sie mit genitalverstümmelten Frauen umgehen sollen, niemand klärt Einwanderer über das Verbot weiblicher Beschneidung in Deutschland auf.“
„STOP FGM NOW!“ möchte diesen Einsatz im Kampf gegen Genitalverstümmelung bündeln und bietet ergänzend zur Kampagne Vereinen, Stiftungen und Organisationen, aber auch dem einzelnen Interessenten eine Informations- und Austauschplattform, sowie konkrete Möglichkeiten der Unterstützung von Frauen und Mädchen in ihrem Recht auf seelische und körperliche Unversehrtheit. „Es geht darum zu helfen, zu bewahren, zu überzeugen. Und das ist ein genauso afrikanisches wie deutsches Thema. It’s not culture – it´s torture!“ (Irmingard Schewe-Gerigk, Vorstandsvorsitzende Terre de Femmes e.V.)
Links:
www.stop-fgm-now.com
www.hbdg.de
Quelle: http://www.gazelle-magazin.de
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